Wie lange nennst du das noch Stärke?
Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen. Wenn das Handy bei 3 % Akku ist, suchen wir sofort eine Steckdose. Wenn wir selbst seit Monaten bei 3 % laufen, nennen wir es Disziplin. Wir stehen auf. Wir arbeiten. Wir kümmern uns. Wir zahlen. Wir organisieren. Wir antworten noch auf Nachrichten. Also kann es ja nicht so schlimm sein.
Doch genau da liegt der Denkfehler. Funktionieren ist kein Beweis dafür, dass es dir gut geht. Funktionieren ist manchmal nur der Beweis dafür, dass dein System noch nicht zusammengebrochen ist. Dann kommt Urlaub. Zwei Wochen Ruhe. Meer. Sonne. Kein Wecker. Und drei Tage nach der Rückkehr sitzt derselbe Mensch wieder in demselben inneren Zustand. Komisch, oder? Vielleicht war dann gar nicht der Alltag das eigentliche Problem. Vielleicht hat der Alltag nur sichtbar gemacht, wie du gelernt hast, durch dein Leben zu gehen.
Und irgendwann reicht eine Rechnung. Eine Nachricht. Ein Streit. Ein Termin. Nicht weil diese Sache riesig ist. Sondern weil der Mensch dahinter längst voll ist. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht: „Wie viel hältst du noch aus?“ Sondern: „Wann hast du eigentlich angefangen, dein eigenes Verschwinden Stärke zu nennen?“

